Zassenhaus
Hiltgunt Zassenhaus – Menschlichkeit gegen Gewalt und Terror
Ein Projekt von Schülerinnen und Schülern des Gymnasium ALLEE
Am 20. November 2008 jährte sich zum vierten Mal der Todestag von Hiltgunt Zassenhaus. Die Erinnerung an diese in Vergessenheit geratene Heldin der Hamburger Geschichte wach zu halten und ihren mutigen Einsatz für Gefangene, ihre Zivilcourage zu vermitteln, betrachten wir als Aufgabe unserer Schule.
Im Hiltgunt-Zassenhaus-Projekt haben Schülerinnen und Schüler des Gymnasium Allee das Leben von Hiltgunt Zassenhaus – einer ehemaligen Schülerin unserer Schule, die sich in der Zeit des Nationalsozialismus mutig für skandinavische politische Gefangene einsetzte – erforscht. Die Schülerinnen und Schüler der Zassenhaus-AG, recherchierten in Bibliotheken und Archiven, ermittelten Zeitzeugen, standen mit Ihnen im Briefkontakt und führten ein Interview durch. Unsere Ergebnisse fassten wir in einer Dokumentation über das Leben und das Engagement von Hiltgunt Zassenhaus zusammen.
Um Hiltgunt Zassenhaus zu ehren, wurde im Dezember 2008 an unserer Schule ein Gedenkrelief der Altonaer Bildhauerin Doris Waschk-Balz feierlich enthüllt. Die Feier fand im Beisein des norwegischen Generalkonsuls in Hamburg statt und wurde von einer Aufführung der dramatisierten Fassung des Buches „Ein Baum blüht im November“ von Hiltgunt Zassenhaus durch Schülerinnen und Schüler eines Kurses Darstellendes Spiel begleitet. Parallel dazu stellten Schülerinnen und Schüler ihre Arbeiten aus dem Kunstunterricht zum Thema „Erinnerung und Gedenken“ aus. In der Galerie unserer Schule wurde eine Ausstellung der Gedenkstätte Neuengamme präsentiert.
Den Anstoß für das Projekt bildete 2007 die Idee unseres Schulleiters Ulrich Mumm, zum Gedenken an H. Zassenhaus in unserer Schule eine künstlerisch gestaltete Gedenktafel anzubringen. Auf diese Initiative hin bildete sich zunächst eine Arbeitsgruppe aus zehn Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen zehnten Klassen, in der damit begonnen wurde, Leben und Werk von H. Zassenhaus zu erforschen. Im Laufe der folgenden Zeit weitete sich der Ansatz des Projekts bedeutend aus und bezog mehrere Fachbereiche der Schule, eine weitaus größere Zahl von Schülerinnen und Schülern sowie außerschulische Kooperationspartner mit ein.
Bronzerelief zu Ehren von Hiltgunt Zassenhaus der Altonaer Bildhauerin Doris Wasck-Balz
In den folgenden Texten berichten Schülerinnen und Schüler der Zassenhaus-AG über ihre Aktivitäten:
Briefkontakt nach Baltimore
In den Maiferien 2008 nahm ich Kontakt zur Zion Church Baltimore auf, wo Hiltgunt Zassenhaus’ Beerdigungsgottesdienst stattfand.

Grab von Hiltgunt Zassenhaus in Baltimore
Es entstand außerdem ein EMailAustausch mit Brigitte Fessenden, der Präsidentin der deutschen Gesellschaft in Baltimore (Maryland). Es stellte sich heraus, dass Hiltgunt Zassenhaus im Unterricht des Ehemanns von Frau Fessenden, einem Lehrer, mit Schülern über den Nationalsozialismus gesprochen hat.
Auch Pastor Roggelin von der Zion Church antwortete schnell. Er selber hatte Hiltgunt Zassenhaus kaum gekannt, er gab mir aber die Adresse von Reverend Lowell Thompson, eines wichtigen Freundes von H. Zassenhaus in Amerika. Von ihm wissen wir, wie sie nach dem Krieg weiterlebte, wie sie sich weiterhin für das Leben einsetzte – als Ärztin und als engagierte Bürgerin von Baltimore.
Diese Informationen konnte man keinen Büchern entnehmen oder einen Film darüber anschauen; daher ist es besonders wichtig für uns gewesen, dass Rev. Thompson in seinen Briefen sehr ehrlich und unbefangen erzählte, was er als einer der letzten echten Freunde von Hiltgunt Zassenhaus weiß.
Luisa Wellhausen
Gefangenenbesuche
Mein Beitrag zur Broschüre über Hiltgunt Zassenhaus ist der Text über ihre Gefangenenbesuche in zahlreichen Zuchthäusern. Ich beschrieb wie ihre Arbeit dort aussah, wie sie an Hilfsmittel gelangt ist und wie das Verhältnis zu den Gefangenen war. Besonders diesen Teilbereich fand ich sehr interessant. Informationen über diesen Teil ihres Lebens habe ich größtenteils ihrem Buch „Ein Baum blüht im November“ entnommen. Die Arbeit mit dem Buch war sehr mühsam, da ich viele Abschnitte oft mehrere Male lesen musste, um die genauen Abläufe ihrer Arbeit zu verstehen und zu überprüfen. Die spannende Seite der Aufgabe erleichterte aber die teils anstrengende Arbeit. Die für meinen Text wichtigen Fakten entnahm ich jedoch nicht ausschließlich dem Buch, auch das Internet sowie die Ausstellungstafeln über Hiltgunt Zassenhaus aus dem ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme bargen Informationen, die ich für meinen Text gebrauchen konnte.
Hiltgunt Zassenhaus (Mitte) 1938 mit ihren Brüdern und deren Verlobten
Insgesamt hat mir die Arbeit in der Gruppe sowie die Einzelarbeit am Text sehr viel Freude gemacht. Gerade die anfängliche Informationsbeschaffung in Stadtteilarchiven- und Stadtteilwerkstätten war für mich sehr interessant. Auch das Zeitzeugengespräch mit Heinz Demmin war eine neue Erfahrung für mich. Eine solche Arbeit würde ich jederzeit noch einmal machen, da man durch solche Projekte seine Geschichte und seine Umgebung sehr gut aus einem anderen Blickwinkel betrachten lernt.
Paul Nehls
Nachkriegszeit
Ich habe das Kapitel über Hiltgunt Zassenhaus' Leben nach dem Krieg verfasst. Über ihr Weiterleben in Dänemark, Norwegen und Amerika war uns zu Beginn des Projektes sehr wenig bekannt, bis auf die Tatsache, dass sie die längste Zeit ihres Lebens nach dem Krieg in Baltimore als Ärztin arbeitete.
So las ich mich bei meinen Recherchen zunächst durch diverse Zeitungsartikel anlässlich von Nominierungen, Deutschlandbesuchen, Fernsehdokumentationen und ähnlichem sowie durch ihr Curriculum Vitae und den Roman "Ein Baum blüht im November".
Die wohl aussagekräftigsten und interessantesten Quellen aber sind von der AG selbst erarbeitet worden: das Interview mit ihrem Jugendfreund Heinz Demmin, der Brief eines mit ihr befreundeten Pfarrers aus Baltimore an Luisa Wellhausen und die Auswertung ihrer Briefe an das Ehepaar Demmin aus den Jahren 1978 bis 2000.
Hiltgunt Zassenhaus im Juni 87 in einer Buchhandlung am Sachsentor
Die Informationen aus den verschiedenen Quellen zusammenzufügen, war dann selbstverständlich auch nicht leicht, da ich mich teilweise von nicht relevanten Informationen trennen musste, oder bei unterschiedlichen Angaben beispielsweise zu ihrer Motivation auszuwandern ein Gleichgewicht finden oder entscheiden musste, welcher Quelle eher zu trauen war.
Am Ende meiner Arbeit war ich jedoch zufriedener als nach einer normalen Schularbeit, da ich dazu beitragen konnte, Informationen zusammenzustellen die noch nicht in fertiger Form vorhanden waren, anstatt diese nur aus dem Internet herauszusuchen.
Lene Greve
Exkursion nach Neuengamme
An einem schönen, sonnigen Dienstagmittag unternahm ein Teil der Zassenhaus-AG eine Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Wir sahen uns Ausstellungstafeln, die über Hiltgunt Zassenhaus Leben und ihre Hilfe für die Gefangenen Auskunft geben, an und entscheiden, ob wir die Ausstellung zu uns an das Gymnasium ALLEE holen. Nach einer langen Bus- und Bahnfahrt, erreichten wir das Konzentrationslager. Es war still und die Stimmung war bedrückend, doch es blieb uns nicht viel Zeit, um alles genau zu besichtigen, denn wir hatten einen Termin mit Frau Heitmann, die uns auch gleich freundlich empfing und uns zu den Tafeln führte.

Die Zassenhaus AG bei Recherchen in Neuengamme
Jetzt ging unsere Arbeit los: Texte lesen, Fotos machen, abmessen und rechnen. Es ging alles relativ schnell und wir fassten den Entschluss, die Tafeln bei uns in der Schule auszustellen. Einige Monate später, holten Herr Hoyer, Paul und Luisa die Tafeln mit dem Schulbus ab. Wenige Tage später brachten wir nach dem Unterricht die Tafeln an. Nun hatten Schüler die Möglichkeit, sich über Frau Zassenhaus schlau zu machen. Aber auch Außenstehende konnten sich bei der Gedenkfeier und am Tag der offenen Tür die Ausstellung anschauen. Wir alle waren begeistert!
Maya Evers und Elena Wiesner
Heinz Demmin
Im Internet stießen wir auf ein altes Unterrichtsprojekt eines Gymnasiums in Mecklenburg-Vorpommern, das sich ebenfalls mit dem Leben und Wirken von Hiltgunt Zassenhaus befasste. Zu Hause angekommen rief ich in dieser Schule an und erfuhr nach mehreren Weiterleitungen, dass ein guter Freund von Frau Zassenhaus noch in Hamburg lebt. Ich konnte zwar weder die Adresse noch die Telefonnummer erhalten, dennoch hatte ich einen Namen: Heinz Demmin. Nachdem ich im Telefonbuch dann auch die entsprechende Telefonnummer ausfindig machen konnte, rief ich sofort an und wurde von ihm eingeladen.
Schülerinnen und Schüler der Zassenhaus AG zu Besuch bei Heinz Demmin
Zügig stürmte ich aus dem Haus und fuhr zu ihm nach Bergedorf. So einen herzlichen und warmen Empfang hatte ich lange nicht mehr erlebt. Wir unterhielten uns lebhaft über Hiltgunt Zassenhaus und ihre Geschichte. Herrn Demmin berichtete über sein Leben, über die Freundschaft mit Frau Zassenhaus über den Krieg und vieles mehr. Er holte mehrere dicke Ordner heraus und machte mich darauf aufmerksam, dass hier „Material“ über Hiltgunt Zassenhaus gelagert sei. In den Ordnern waren Briefe, Bilder, Zeitungsausschnitte usw. Die Stunden vergingen wie im Fluge. Mein Besuch sollte sich als wahre Fundgrube erweisen.
Yasin Sari
Das Theaterstück
In meinem DSP-Kurs haben wir Szenen aus Hiltgunt Zassenhaus Buch „Ein Baum blüht im November“ nachgestellt und als Theaterstück auf die Bühne gebracht.
Da man das Buch sehr gut in drei Perioden aufteilen kann, haben wir uns während unserer Arbeit dazu entschlossen, die Rolle der Zassenhaus von drei verschiedenen Schülerinnen spielen zu lassen: Die erste stellt die teilweise hilflose Rebellin dar, welche ihren Weg erst noch finden muss. Die „zweite Zassenhaus“ ist die entschlossene und mutige Helferin, welche für ihre Überzeugungen einsteht. Die dritte ist eine ältere Dame, welche von einem Verlagshaus der DDR eingeladen wird und so wieder nach Deutschland kommt.


Szenen aus dem Theaterstück
Wir haben uns entschlossen, anders als im Buch diese Szene ans Ende zustellen, diese Reihenfolge vermittelt uns noch einen Hauch mehr von der authentischen Frau Zassenhaus: Die Frau, die immer wusste, für was sie kämpfen will. Die Frau, welche die Furcht überwand für das, an das sie glaubte. Die Frau, die selbst im Alter sich nicht scheut, die Zensur zu verdammen und ihren Idealen treu zu bleiben. Ich hatte die Möglichkeit, diese dritte Frau darzustellen und da ich mich durch die Zassenhaus-AG schon intensiver mit Hiltgunt Z. beschäftigt hatte und ich ihre Beweggründe zu kennen glaube, war es eine Ehre für mich, diese Frau insgesamt dreimal auf der Bühne verkörpern zu dürfen.
Zippora Lojenburg
Ich übernahm die Rolle von Theresa Hedrich, der Untermieterin von Hiltgunt Zassenhaus, und in einer weiteren Szene die einer Schülerin. Fünf weitere Mädchen, eingeschlossen Hiltgunt Zassenhaus, sollten ebenfalls in der ersten Szene Schülerinnen darstellen. Ich finde, diese Szene hat uns sehr gezeigt, wie stark sich alles im Vergleich zur damaligen Zeit verändert hat. Wir hatten eine Gemeinsamkeit mit den Mädchen, die wir darstellen sollten. Sie waren Schülerinnen an derselben Schule wie wir und trotzdem war uns die Rolle fremd. Es fing mit der Begrüßung an, bis hin zu der Kleidung. Wir sollten unsere Lehrerin im Stück mit dem Hitler-Gruß begrüßen, mussten gerade auf unseren Stühlen sitzen, sollten die Haare gebunden haben und mussten einheitliche Kleidung tragen.
Özlem Kasukcu
Und wie geht es weiter
Mit der Enthüllung der Gedenkplastik und der Eröffnung der Ausstellung ist das Hiltgunt-Zassenhaus-Projekt keineswegs beendet.
Seit Februar 2009 ist unsere Broschüre zum Leben und zur Arbeit von Hiltgunt Zassenhaus fertig.
Die Broschüre
Textauszug Inhaltsverzeichnis
Textauszug Seite 5
Wenn sie sich für die beeindruckende Lebensgeschichte dieser mutigen Frau interessieren, können sie die Broschüre bei uns in der Schule erwerben. Neben den Lebensdaten enthält die Broschüre ein Interview mit Heinz Demmin, einem engen Freund von H. Zassenhaus und zahlreiche Bild- und Textquellen.
Im Mai 2009 haben Schülerinnen und Schüler der Zassenhaus-AG ihre Dokumentation in der Gedenkstätte Fuhlsbüttel einer größeren Öffentlichkeit präsentiert.
Wir verstehen die Weiterarbeit an diesem Thema – zum Beispiel durch die Erstellung von Arbeitsblättern für den Unterricht, durch weitere Vorträge in der Öffentlichkeit oder im Rahmen des Tags des offenen Denkmals – als weiteren Baustein unseres schulinternen Stadtteilcurriculums.
Vielleicht haben sie weitere Informationen zu Hiltgunt Zassenhaus, Fragen oder Anregungen zu unserem Projekt? Schicken sie eine Mail oder einen Brief an die Schule oder rufen sie an:
gymnasium-allee(at)bsb.hamburg.de oder stefan.hoyer(at)gymalleehh.de
Wir freuen uns über ihr Interesse an unserer Arbeit.
Stefan Hoyer, Maya Evers, Lene Greve, Tugce Karakus, Özlem Kasukcu, Zippora Lojenburg, Lennart Narloch, Paul Nehls, Yasin Sari, Luisa Wellhausen, Elena Wiesner
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